Türkei, der Völkermord an den Armeniern und der Papst

Der jüngste Bärendienst an der türkischen Sache stammt von der türkischen Regierung selbst, wie schon so oft vorher. Papst Franziskus hatte am 12. April 2015 im Vatikan an den „Völkermord an den Armeniern“ erinnert, worauf sich über ihn ein Sturm osmanischer Entrüstung ergoss. Der Botschafter des Vatikan wurde zum türkischen Außenministerium bestellt, der türkische Botschafter im Vatikan nach Ankara zurückberufen (er dürfte nach einigen Wochen wieder an seinem Posten sein). Letzteres gehört zum diplomatischen „Spiel“ und ist nicht weiter schlimm. Schlimm ist aber, dass die türkische Regierung (und die oppositionelle CHP) meint, dem Papst in Fragen, die die Ethik in der Politik betrifft, einen Maulkorb verpassen wollte. Wer die Zahl von 1,5 Millionen Opfern des Völkermordes an den Armeniern 1915 absenken will, muss sich vergleichen lassen mit jenen Holocaust-Leugnern, die sagen, nicht sechs Millionen Juden seien in Nazi-KZs umgekommen, „sondern nur drei“. Im Übrigen ist lediglich die ebenfalls oppositionelle MHP (Nationalist Movement Party) bereit, für die Redefreiheit des Papstes einzutreten, sagt aber auch, dass religiöse und politische Führungspersönlichkeiten kein Recht hätten, so schwere Beschuldigungen wie Völkermord gegen ein Land zu erheben. Es scheint also mehr oder weniger einmütig zu sein, wie die Türkei reagiert – allerdings gibt es heute viele Intellektuelle, Autoren, Journalisten, Geschäftsleute, die – mehr als je zuvor – eine Aufarbeitung dieses Geschichtskapitels wollen.

Natürlich war es 1915 ein Völkermord – dies hatten Experten und Wisscnschaftler hinreichend oft festgestellt. Aber warum stellt sich keine türkische Regierung hin und sagt: Wir haben, verdammt noch mal, vor 100 Jahren einen Völkermord initiiert, wir bedauern dies zutiefst, wir entschuldigen uns hierfür, und wir wollen mit unseren Nachbarn, den Armeniern, eine gute und bessere Nachbarschaft. Gerade, dass es hieran fehlte, ergab bei den Armeniern jenes Trauma, das darin gipfelte – was in der EU nicht immer verstanden wurde, dass man ständig eine Völkermord-Entschuldigung forderte. Es ist ein bezeichnendes Symptom für die mangelnde Souveränität der Türkei, sich mit diesem Thema, allein aus nationalistischen Gründen, nicht auseinander setzen zu wollen. Es spricht Bände, dass aus der vom Staat drangsalierten türkischen Zivilgesellschaft die einzigen Stimmen dringen, die für eine solche Entschuldigung eintreten. Armenien hat übrigens keine Kompensationsansprüche gestellt.

Im Übrigen steht es gerade Deutschland an, sich hier zu erklären: Das Deutsche Kaiserreich war vor 100 Jahren mit dem Osmanischen Reich verbündet. So wie Deutschland sich dazu bekannte, als Nazi-System den Holocaust initiiert zu haben, muss es sich dazu bekennen, als Verbündeter des Osmanischen Reichs damals offiziell die Behandlung der Armenier unterstützt zu haben. Etliche Zeitzeugen, wie von Lepsius, Werfel und andere, haben damals einen anderen Kurs gefahren.

Armenien, das in einer seltsamen Zwangslage zwischen der EU und Russland liegt, re-orientiert sich derzeit wieder an der EU – im klaren Gegensatz zur Türkei. Deren unwürdige Leugnung des ersten Völkermords im letzten Jahrhundert unter Erdogan III ist in einem eklatanten Gegensatz zur europäisch orientierten Reformpolitik von Erdogan I. Damals war auch der Autor dieser Zeilen ein überzeugter Anhänger eines türkischen EU-Beitritts; unter der heutigen Regierung in Ankara kann davon keine Rede sein.

Hans-Jürgen Zahorka

Chief Editor, European Union Foreign Affairs Journal (www.eufaj.eu)

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